„Liebe Männer in Schwarz: ich beneide euch wirklich nicht!“ – Stadionsprecher Torsten Knippertz im Interview

Torsten “Knippi” Knippertz (*19.Juni 1970 in Mönchengladbach) ist Moderator, Schauspieler und seit 2006 wieder Stadionsprecher von Borussia Mönchengladbach. Im Interview mit Abpfiff gibt er einen Einblick in seine Arbeit und natürlich seine Erfahrungen mit Schiedsrichtern.

Abpfiff: Herr Knippertz, Sie, gebürtiger Gladbacher, sind Sie ein fester Bestandteil von Borussia, müssten als Stadionsprecher bei mittlerweile über 100 Heimspielen mitgewirkt haben:  Wie schwer viel es Ihnen während der langen Serie ohne Heimsieg diese Saison dennoch weiter optimistisch auf dem Rasen zu stehen und die Fans auf den Rängen anzuheizen?
Torsten Knippertz: Ich gebe zu, dass es manchmal nicht ganz einfach ist den – mir eigenen – Optimismus zu verbreiten oder übertragen. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich tatsächlich (nicht erst jetzt vor dem letzten Spieltag) immer daran geGLAUBT habe, dass die Mannschaft das Zeug hat, das Unmögliche möglich zu machen und geHOFFT, dass sie das auch zeigt! Deshalb fällt (oder fiel) mir das Anheizen nicht so schwer, wie es vielleicht von Außen aussieht. Ich kann halt auch nur mein Bestes geben. Auch in dem Glauben, dass es echt nur geht, wenn möglichst viele daran glauben und nicht direkt die Flinte ins Korn werfen, wenn es bei dem ein oder anderen Spiel nicht direkt so läuft, wie erhofft. Und ich weiß außerdem auch gar nicht, wie groß der Einfluss als Anheizer tatsächlich ist. Das meiste kommt – glaube ich – durch die Fans selbst als Eigendynamik in der Kurve. Oder eben als Antwort auf das, was auf dem Platz geschieht. Ich habe zum Beispiel im Borussia Park noch nie eine so geile Stimmung erlebt, wie beim 1.Relegationsspiel gegen Bochum. Das war gänsehautmäßig!

Abpfiff: Auch Abseits der sportlichen Lage gibt es bei Borussia derzeit Unruhe von außen. Die „Initiative Borussia“ hat Satzungsänderungen eingereicht und will mit Stefan Effenberg als Galionsfigur den Präsidenten Rolf Königs und Sportdirektor Max Eberl stürzen. Wollen (und dürfen sie sich als Angestellter von Borussia) Sie sich dazu näher äußern? Wie bewerten Sie die Situation vor der Jahreshauptversammlung?
Torsten Knippertz: Also erstmal muss ich vorwegschicken, dass ich ja nicht fest bei Borussia angestellt bin und selbst wenn ich es wäre , dürfte ich mich natürlich äußern. Kann ja keiner verbieten.
Was die Situation betrifft, denke ich, dass sich durch die Entwicklung und Geschehnisse in letzter Zeit eh jeder sein eigenes Bild macht oder schon gemacht hat und dann dementsprechend bei der JHV am Sonntag (vorausgesetzt er/sie ist stimmberechtigt) abstimmen wird.  Ich selbst fands teilweise fast schon satirisch.  „Offensive“ , „Initiative“
eigentlich hab ich darauf gewartet, dass man auch noch von der „Defensive“ oder „Primitive“ hört…                                                                                                                         Nein im Ernst: Ich selbst bin immer für konstruktive Kritik und der Suche nach gemeinsamen Lösungen, so schwierig das manchmal auf den ersten Blick auch sein mag. Dazu gehört vor allem aber auch eine sachbezogene Diskussion über Inhalte.

Abpfiff: Bei der WM in Südafrika, aber auch im Verlauf dieser Bundesligasaison wurden die Schiedsrichter oft kritisiert. Man hat den Eindruck, dass die Leistungen schwächer geworden sind. Sehen Sie das auch so und haben ggf. eine Erklärung dafür?              Torsten Knippertz: Ich glaube nicht, dass die Schiedsrichter prinzipiell schwächer geworden sind. Allerdings denke ich, dass Fußball vor allem in der 1.Bundesliga (und natürlich international) mittlerweile so schnell geworden ist, dass zwangsläufig einfach mehr Fehler passieren. Wie heißt es so schön? Irren ist menschlich und wenn den Schiedsrichtern keine (technischen) Hilfsmittel an die Hand gegeben werden wird sich an der Fehlerquote auch nichts ändern. Im Gegenteil. Die Entwicklung im Fußball, was die Dynamik betrifft, ist so rasant, dass man in den nächsten Jahren meiner Meinung nach gar nicht mehr drumrum kommt, etwas zu ändern.                                                                       Klar liebe ich es auch, emotional nach einem Spiel über strittige Szenen zu diskutieren. Allerdings geht es halt im professionellen Fußball mittlerweile um so viel Geld, dass man diesen Aspekt wohl nicht mit Tradition und dem Hinweis „der Fußball lebe doch von solchen Diskussionen“ verklären darf. Die Dummen sind in dem Fall leider nicht nur die Vereine, die unter den Fehlentscheidungen leiden sondern vor allem und hauptsächlich die Schiedsrichter. Die Vereine haben ja immerhin die Möglichkeit auch mal von Fehlentscheidungen zu profitieren, so dass es sich am Ende der Saison tatsächlich ausgleicht (naja , vielleicht nicht immer ganz ;)). Bei den Schiris werden aber einfach alle Fehlpfiffe zusammengezählt und da kann man nix durch einen richtigen Pfiff wieder ausgleichen.                                                                                                                                        Also liebe Männer in Schwarz: ich beneide euch wirklich nicht! (Von diversen „Rote Karte“- Regeln oder vom passiven Abseits will ich jetzt gar nicht erst anfangen…)

Abpfiff: Auch im Borussia-Park gab es diese Saison eine Menge strittige Szenen. Gibt es da spezielle Anweisungen oder Verhaltensrichtlinien vom DFB oder von Borussia, wie man sich als Stadionsprecher bei Fehlentscheidungen verhalten soll und wie sehen die ganz allgemein aus?
Torsten Knippertz: Also erstmal gibt es den Hinweis, dass man z.B. auf den Videoleinwänden strittige Szenen nicht sofort einblenden und wiederholen soll und außerdem darf man als Stadionsprecher natürlich das Publikum nicht anstacheln oder aufwiegeln. Außerdem gibt es natürlich immer direkte Absprachen mit den Schiedsrichtern, wenn in einem Spiel z.B. Feuerzeuge o.ä. auf Feld geworden werden, dass man dann sofort eine Durchsage macht.

Abpfiff: Sehen Sie während des Spiels die Wiederholung strittiger Szenen? Wie schwer fällt es dann, die Verhaltensregeln des DFB auch einzuhalten?                                         Torsten Knippertz: Nein. Während des Spiels sehe ich selbst die Szenen nicht, bekomme allerdings auf spezielle Nachfrage bei den Kollegen vom Fohlen TV, die in der Stadionregie sitzen oder den anderen Kollegen vom Fernsehen mitgeteilt, ob es eine Fehlentscheidung war oder nicht.

Abpfiff: Mussten Sie sich schon mal auf die Zunge beißen, oder haben sich sogar schon mal verplapptert und den Unmut der Fans im Stadion dadurch vergrößert?            Torsten Knippertz: Oh ja. Da fällt mir eine ganz spezielle Partie ein. Die Aufstellung des Gegners präsentieren wir im Borussia Park ja immer vor der Kurve der gegnerischen Fans, die wir natürlich auch immer begrüßen. Bei diesem Spiel war es so, dass ich schon beim Gang zur Kurve von so vielen Mittelfingern begrüßt wurde, wie ich sie im Leben noch nicht gesehen habe. Als ich dann die Aufstellung mit dem Rücken zur Kurve vorlas, flogen auch tausend Sachen an mir vorbei. Feuerzeuge, Papierkugeln, Mandarinen, Becher. Alles allerdings an mir vorbei. Da hab ich für einen kurzen Moment mit dem Gedanken gespielt mich umzudrehen und zu sagen: „Wenn eure Stürmer genauso schlecht treffen wie ihr, mach ich mir keine Sorgen!“ Ich hab es mir dann aber aus Rücksichtnahme auf unsere Ordner verkniffen. Ich glaube die hätten in dem Fall einiges zu tun bekommen…Das gibts sowieso häufiger, dass der Fan in mir gerne böser sein würde, die Stadionsprecherseite dann aber immer an die Sicherheit denkt. So´n bisschen wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter…

Abpfiff: Welche Schiedsrichter stachen Ihrer Meinung in dieser Bundesligasaison positiv oder negativ heraus?                                                                                                              Torsten Knippertz: Oh… da bin ich überfragt. Das verfolg ich nie so. Ich meine aber, dass ich in einem Spiel total positiv überrascht von einem Schiri war , der fast alles richtig gepfiffen hat und das, obwohl wir verloren haben. Ich glaube, das war Florian Meyer. Aber wie gesagt: Sicher bin ich mir nicht mehr. Ich bin auf jeden Fall nach dem Spiel hin und habe zur Leistung gratuliert.

Abpfiff: Die Einführung von technischen Hilfsmitteln wird gerade durch die Fehlentscheidungen diese Saison wieder heftig diskutiert. Wie stehen Sie dazu? Der Chip im Ball oder doch Torrichter wie in der Europe-League?                                              Torsten Knippertz: Wie oben schon erläutert: Ich denke , dass sich auf jeden Fall was tun muss. Im Hinsicht auf mehr Arbeitsplätze würd ich sagen: Torrichter, ansonsten bin ich wohl eher für Chip im Ball und Chips auf der Couch…

Abpfiff: Revolutionär wäre sicher ein Videobeweis, der in naher Zukunft auch unrealistisch ist. Könnten Sie sich die nachträgliche Bewertung von strittigen Szenen (egal in welcher Form, z.B. als eine Art Challenge wie im Eishockey) allgemein für den Fußball vorstellen?                                                                                                                              Torsten Knippertz: Ja. Kann ich.

Abpfiff: Hätten Sie zum Abschluss noch eine kleine Anekdote, die Sie mit einem Schiedsrichter erlebt haben, für uns?
Torsten Knippertz: Also zu meiner aktiven Zeit in der hab ich mal ´nem Schiri die gelbe Karte gezeigt, die dieser verloren hatte. Der hats aber mit Humor genommen. Gibts ja auch welche, die da keinen Spaß verstehen. Ansonsten hab ich mich mit den Schiris eigentlich immer gut verstanden. Ich bin zwar (auch jetzt noch) während eines Spiels immer ziemlich emotional und da fallen auch schon mal Worte, die ich in Alltagssituationen nicht wählen würde. Ich hatte und hab allerdings auch nie ein Problem mich dann entweder direkt oder nach dem Spiel zu entschuldigen. Oh, da fällt mir noch eine Szene ein. 23. Spieltag in unserer letzten Abstiegssaison und Nando Rafael macht in der letzten Sekunde gegen Werder Bremen das 2:2 Ausgleichstor. Ich bin wie ein Irrer aufgesprungen und hab so gejubelt, dass ich gar nicht gemerkt hab, dass ich fast am 16er auf dem Spielfeld stand (na ja, fast…) Und auf einmal hör ich nur , wie der vierte Offizielle mich total anschreit, ich solle sofort wieder zurückkommen… Der fand das überhaupt nicht komisch und meinte auch nach dem Spiel, dass er sich noch überlegen müsse, ob er einen Eintrag im Spielbericht macht. Hat er aber dann nicht.

Abpfiff: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für ihre Projekte mit und ohne Borussia!

Mehr zu Torsten Knippertz erfahren Sie auf http://www.knippi.de.

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